Serie: Vulkanböden · Folge 5 von 5 · 6 min
Kanarische Inseln:
Der Wein, der nie
gepfropft wurde
Auf Lanzarote sieht man von Weitem keine Weinberge. Man sieht Löcher. Tausende kegelförmige Krater, jeder bis zu drei Meter tief in schwarze Vulkanasche gegraben, jeder mit einer halbrunden Steinmauer gegen den Wind — und in jedem einzelnen steckt, ganz unten, ein einziger Rebstock.
Zwischen 1730 und 1736 verschüttete eine der längsten Eruptionsserien der Neuzeit ein Drittel der Insel unter meterdicker Lava und Asche. Was wie eine Katastrophe aussah, wurde zur Grundlage des Weinbaus: Die poröse schwarze Asche, Picón genannt, speichert nächtliche Feuchtigkeit wie ein Schwamm und gibt sie tagsüber an die Wurzeln ab — auf einer Insel, die kaum Regen kennt. Die Winzer gruben sich buchstäblich durch die neue Landschaft: Hoyos, wo die Ascheschicht dick genug war, Zanjas, flache Rinnen, wo sie es nicht war.
Was auf Lanzarote mit Handarbeit beginnt, ist auf allen sieben Inseln dasselbe stille Wunder: Die Reblaus, die im 19. Jahrhundert fast jeden Weinberg Kontinentaleuropas vernichtete und zur Pfropfung auf amerikanische Unterlagen zwang, hat den Atlantik nie überquert. Auf den Kanaren stehen die Reben bis heute auf eigener Wurzel — wurzelecht, ungepfropft, manche über 200 Jahre alt. Es ist die letzte große zusammenhängende Weinlandschaft Europas, die noch aussieht wie vor 1863. Im Juli 2025 wurde die Reblaus erstmals auf Teneriffa nachgewiesen, an 30 von 697 untersuchten Standorten — nach fast anderthalb Jahrhunderten Immunität ist die Bedrohung plötzlich real, und mit ihr die Frage, wie lange dieses Fenster noch offensteht.
Was aus diesen alten, wurzelechten Stöcken kommt, ist selten großer Wein im klassischen Sinn — sondern etwas Eigenständigeres. Listán Negro und Listán Blanco tragen die Masse, dazu ein Sortenspiegel, den es kaum irgendwo sonst gibt: Malvasía Volcánica, Baboso Negro, Vijariego. Salzig, vulkanisch, oft mit einer rauchigen Schärfe, die selbst erfahrene Verkoster erst einordnen müssen. Kein Wein, der sich an internationalen Standards misst — einer, der seine eigenen aufstellt.
„Auf Lanzarote sieht man keine Weinberge — man sieht Löcher. Und in jedem steckt eine Rebe, die älter ist als jede Pfropfrebe des Kontinents.“
Die Mengen sind entsprechend klein. Ein Hoyo, ein Stock, manchmal nur eine Handvoll Flaschen pro Jahr und Grube — Weinbau auf den Kanaren ist strukturell unfähig zur Massenproduktion. Was nicht ab Hof verkauft wird, geht in kleinsten Kontingenten an Sommeliers und Fachhändler, die früh genug angefragt haben. Wachstum ist hier keine Option, sondern eine geografische Unmöglichkeit.
Ein Geständnis zum Schluss: Auch von den Kanaren führen wir noch keinen Wein. Die Mengen sind zu klein, die Nachfrage der Sommelierwelt zu groß, die Wartelisten zu lang. Bis sich das ändert, stehen unten drei Weine, die dasselbe erzählen: gewachsen auf Lava, Bims und Basalt, nur an anderen Rändern Europas. Der Boden ist verwandt. Die Kompromisslosigkeit auch.
Serie: Vulkanböden — Europa über dem Feuer
- Folge 1: Lipari — Wo der Wein nach Rauch und Meer schmeckt
- Folge 2: Ätna — Das Gedächtnis des Feuers
- Folge 3: Kaiserstuhl — Rotwein auf schwarzem Grund
- Folge 4: Vulkanland Steiermark — Der Vulkan unter der Burg
- Folge 5: Kanarische Inseln — Der Wein, der nie gepfropft wurde
Hintergrundwissen
Phylloxera, die Reblaus, vernichtete im 19. Jahrhundert fast jeden Weinberg Kontinentaleuropas und zwang zur Pfropfung auf reblausresistente amerikanische Unterlagen. Den Atlantik hat der Schädling nie überquert — die Reben der Kanaren stehen bis heute auf eigener Wurzel, manche über 200 Jahre alt.
Auf Lanzarote werden bis zu drei Meter tiefe Trichter (Hoyos) durch die schwarze Vulkanasche (Picón) bis zum fruchtbaren Boden gegraben, in die ein einzelner Rebstock gepflanzt wird. Halbrunde Steinmauern (Zocos) schützen ihn vor dem Passatwind. Wo die Ascheschicht dünner ist, gräbt man stattdessen flache Rinnen, Zanjas.
Im Juli 2025 wurde Phylloxera erstmals auf Teneriffa nachgewiesen, an 30 von 697 untersuchten Standorten. Nach fast anderthalb Jahrhunderten Immunität ist die Bedrohung damit erstmals real.
Listán Negro und Listán Blanco dominieren die Flächen, dazu seltene Lokalsorten wie Malvasía Volcánica, Baboso Negro und Vijariego — fast alle ungepfropft und in dieser Form kaum noch anderswo in Europa zu finden.
Noch nicht — die Mengen sind winzig, die besten Parzellen längst vergeben, und wir listen nur, was wir selbst verkostet haben. Vulkanböden im Glas gibt es bei uns trotzdem: von den Liparischen Inseln, vom Ätna und vom Kaiserstuhl.
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